«De Müli-Michel» Johann Michael Stadlin – der Zuger Mühlenpionier
Die rasante technologische Entwicklung ist heute in aller Munde, ChatGPT oder KI sind quasi ihre Vornamen. Oft weniger bewusst ist man sich der grundlegenden Veränderungen unserer Lebenswelt, die dem Fortschritt in Wirtschaft und Technik folgen. Dazu bedarf es eines grösseren Überblicks, wie ihn die Biographie über Johann Michael Stadlin (1845–1909) bietet. Der neuste Band der Reihe «Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik» wird am 20. Mai 2026 in Zug der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie sind herzlich eingeladen!
Als Johann Michael Stadlin am 18. Juni 1845 in der Dorfmühle in Zug zur Welt kam, hatte seine Heimatstadt noch ein dörfliches Gepräge. Die rund 3300 Menschen wohnten umgeben von Stadtmauern, deren Tore jede Nacht geschlossen wurden. Die Dorfmühle bezog die Energie wie andere Betriebe vom Dorfbach, das Getreide wurde mit Fuhrwerken aus der Umgebung angeliefert. Zur Lebenswelt gehörte auch die grosse Sterberate, insbesondere bei Kindern. Von Johann Michael Stadlins sechs Geschwistern starben drei in den ersten Lebensjahren. Und mit 10 Jahren verlor er seine Mutter Josefa Maria Theresia Stadlin-Speck (1816–1855), gerade mal 17-jährig auch seinen Vater Franz Michael Stadlin (1807–1862).
Johann Michael Stadlin wurde dadurch zum Jungunternehmer, der zwei Mühlenbetriebe erfolgreich entwickelte, aber auch die wirtschaftlichen Veränderungen geschickt nutzte. Und diese kamen insbesondere mit der Eisenbahn, die ab 1864 auch nach Zug fuhr. In nächster Nähe zum Bahnhof beteiligte sich Stadlin daraufhin an einer Ziegelei und gründete später die Kollektivgesellschaft «Zum Lagerhaus». Die Industrialisierung steigerte auch den Bedarf an Frischwasser für wachsende Anzahl Menschen und Maschinen. Stadlin erkannte zusammen mit anderen nicht nur die Notwendigkeit einer guten Wasserversorgung, sondern machte daraus eine eigentliche Pionierleistung. Aus Quellfassungen weit ab vom Stadtgebiet legte er ein modernes Leitungssystem bis zu den Haushalten und Betrieben der Stadt. Die Wasserversorgung Zug wurde 1878 mit einem grossartigen Volksfest eingeweiht, und Stadlin wurde der erste Direktor dieser privatwirtschaftlichen Initiative.
Für das Müllereigewerbe bedeutete die Eisenbahn einen regelrechten Preiszerfall. Denn wo früher Bauern aus dem Umland ihr Getreidesäcke herbeikarrten, fuhren nun Bahnwagen mit Weizenlieferungen aus ganz Europa und sogar aus Übersee vor. Dies erlaubte den Müllern höhere Margen und eine immer rationellere Verarbeitung. Johann Michael Stadlin plante – wie immer zusammen mit Geschäftspartnern – eine grosse vollautomatische Mühle, die erst zweite in der Schweiz. 1897 war die Untermühle Zug betriebsbereit. Die Leistung wurde nicht mehr in Tonnen angegeben, sondern in Wagen! In seiner Mühle verarbeitete er rund 200 Wagen Getreide pro Woche.
Fast gleichzeitig vollzog Stadlin die Internationalisierung auch mit seinen Betrieben selbst. 1888 kaufte er in Maroggia am Luganersees eine Mühle, die er unverzüglich ausbaute. Die Nähe zur Gotthardlinie schien ausschlaggebend für die Wahl des Standortes gewesen zu sein. Schliesslich wagte er sogar ein Abenteuer im fernen Rom. Den gewaltigen Mühlenkomplex, der sowohl am Tiber als auch an der Bahnlinie gelegen war, verkaufte er dann aber im Jahr nach der Betriebseröffnung, und zwar mit grossem Gewinn.
Die Italianità scheint es dem Zuger Müllerssohn ohnehin angetan zu haben. So kaufte er sich in Alassio an der ligurischen Küste eine prächtige Villa. Doch viel Zeit zum Ausspannen gönnte sich Stadlin nicht. Das wurde auch an seiner Gesundheit sichtbar, die sich ab 1903 zunehmends verschlechterte. Schliesslich verstarb er 1909 mit erst 64 Jahren in Zug.